3. November 2008

Johannes Duns Scotus – bedeutender Theologe und Philosoph

Am 8. November 2008 jährt sich der Todestag des großen Franziskanergelehrten Johannes Duns Scotus zum 700. Mal.

Johannes Duns Scotus

Johannes Duns Scotus

Johannes Duns Scotus ist neben Thomas von Aquin der bedeutendste Theologe und Philosoph des Mittelalters. Vom Leben des Johannes Duns Scotus wissen wir – historisch verbürgt – nur wenige Daten; ganz tritt der große Theologe und Philosoph hinter sein bedeutendes Werk zurück, Ausdruck eines ganz der Sache selbst hingegebenen Denkens. Wilhelm von Vaurillon faßt um 1430 das Leben des Scotus in den Satz zusammen, der in verkürzter Form auch den modernen Sarkophag des Duns Scotus in der Minoritenkirche in Köln schmückt: «Am Anfang hat Schottland dich geboren, später hat England dich gelehrt, wo du als erstes über das Sentenzenbuch gelesen hast, dann hat Frankreich dich erneut aufgenommen, doch bewahrt dich im Grab Köln.» (Te primitus Scotia genuit, te postmodum Anglia docuit, ubi primo Sententias legisti, rursus suscepit Francia, sed Colonia tenet in tumulo.)

Um 1265/6 in Duns in Schottland geboren tritt Johannes Duns Scotus früh in den Franziskanerorden ein und absolviert um 1281–1287 die übliche sechsjährige Ausbildung in Philosophie und 1288–1293 die sechsjährige Ausbildung in Theologie. Es schließt sich die für die akademische Laufbahn vorgeschriebene Studienphase an, die er an der Universität Oxford, möglicherweise zum Teil auch an der Universität Paris verbringt. Für das Jahr 1300 ist belegt, daß er in Oxford unter dem Magister regens der Franziskaner, d. h. dem Inhaber des vom Franziskanerorden zu besetzenden Lehrstuhls, Philip Bridlington, als Baccalaureus an einer Disputation teilgenommen hat. Ab 1302 ist er an der Pariser Universität tätig und kommentiert als Baccalaureus das erste und das vierte Buch der Sentenzen des Lombarden. Als der französische König Philipp IV. gegen Papst Bonifaz VIII. an ein Konzil appelliert und den Pariser Klerus zur Unterstützung auffordert, gehört Scotus zu denen, die die Unterschrift verweigern und Frankreich deshalb zu verlassen haben. Nach Aufhebung der königlichen Ausweisung zu Ende des Jahres 1304 ist er erneut in Paris. Bei der 1304 stattfindenden Promotion von Gilles de Ligny zum Magister wirkt er als respondierender Baccalaureus mit. Um die gleiche Zeit schlägt ihn sein Ordensgeneral Gonsalvus Hispanus als nächsten Magister regens vor, so daß wir annehmen können, dass er ab Frühjahr 1305 in dieser Funktion an der Pariser Universität wirkt. Für die Zeit von 1306–1307 ist belegt, daß er eine der feierlichen Disputationes quodlibetales durchführt. Die nächste sichere Nachricht besagt, daß er ab 1307 als Lektor am Ordensstudium der Franziskaner in Köln tätig ist. Ob der Wechsel nach Köln politische oder theologische Gründe hatte oder nur dem Ordensbrauch entsprach, die hervorragenden Gelehrten zwischen den Ordensstudien wechseln zu lassen, wissen wir nicht. Verbürgt ist nur noch, dass Johannes Duns Scotus am 8. November 1308 in Köln verstirbt und in der Minoritenkirche beigesetzt wird. Nach schon früh einsetzender lokaler kirchlicher Verehrung, vor allem in Nola (Italien) und Köln, wird am 6. Juli 1991 durch päpstliches Dekret die Verehrung des Johannes Duns Scotus als Seliger für die gesamte römisch-katholische Kirche anerkannt.

Scotus hat ein umfangreiches, aber zum größten Teil unabgeschlossenes Werk hinterlassen, dessen kritische Edition erst 1950 begonnen werden konnte und bislang 21 Bände umfasst. Unter den authentischen Werken ist an erster Stelle die in Form von Quästionen, d. h. im Disputationsschema vorgetragene Kommentierung der Sentenzenbücher des Petrus Lombardus zu nennen, die in mehreren Fassungen vorliegt. Die früheste Fassung hat Scotus in Oxford vorgetragen (als Lectura bezeichnet) und später zu überarbeiten begonnen (als Ordinatio bezeichnet); auf sie folgte die Fassung, die er in Paris vortrug und die in Form einer Schülernachschrift vorliegt (als Reportatio bezeichnet). Die von ihm korrigierte Version der Nachschrift seiner Kommentierung des ersten Sentenzenbuchs, die als Reportatio IA bezeichnet wird, hält die Version letzter Hand fest und hat offenkundig bei der Herstellung der Ordinatio als Vorlage gedient. Neben den verschiedenen Fassungen der Sentenzenkommentierung ist vor allem die unvollendet gebliebene Sammlung der Disputationen (als Quodlibetum bezeichnet) zu nennen. Von besonderer Bedeutung sind die in Quästionenform geschriebenen Kommentare zu verschiedenen Aristotelischen Schriften. Dazu gehören frühe Kommentierungen verschiedener logischer Schriften des Aristoteles, ferner die inzwischen kritisch edierten Quästionen zur aristotelischen Metaphysik sowie die Quästionen zur aristotelischen Schrift De anima. Zu erwähnen sind darüber hinaus die Traktate, unter ihnen an erster Stelle der Tractatus de primo principio, der den ausführlichsten Gottesbeweis enthält, den das Mittelalter kennt. Zu den Traktaten gehört auch ein als Theoremata bezeichneter Text, in dem – ähnlich wie in Teilen der Quästionen zur aristotelischen Metaphysik – von Scotus noch nicht systematisch in eine endgültige Form gebrachte Notate (einschließlich aporetischer Überlegungen) von Scotus festgehalten worden sind.

Was ein zuverlässiges Bild der scotischen Lehre lange erschwert hat, ist aber nicht nur der unfertige und mit vielen Streichungen, Einschüben und Anmerkungen verbundene Zustand der meisten Schriften und die daraus resultierende problematische Texttradierung, sondern auch die Zuschreibung von Schriften fremder Autoren. Erst um 1925 hat die historische Forschung den Katalog der authentischen Schriften genauer abgrenzen können, auf dessen Basis dann 1950 die – inzwischen 16 Bände umfassende – kritische Edition (Editio Vaticana) der scotischen Schriften begann, die die theologischen Schriften umfaßt und zu der seit 1997 die kritische Edition der Opera philosophica hinzutrat, die in 5 Bänden vorliegt.

Das Bild der Persönlichkeit des Johannes Duns Scotus geht aus der Empfehlung hervor, mit der Gonsalvus Hispanus als General der Franziskaner Scotus für die Berufung auf den Lehrstuhl der Theologie an der Universität Paris vorschlug: „Ich empfehle eurer Liebe unseren hochgeschätzten Bruder […] Johannes Scotus, dessen würdige Lebensführung, dessen vorzügliche Wissenschaft, dessen überaus scharfsinnige Begabung und dessen weitere hervorhebenswerten Eigenschaften mir wohl bekannt sind, und zwar sowohl aufgrund einer langen Zeit des gemeinsamen Lebens mit ihm als auch aufgrund seines äußerst hohen Ansehens.“

Um die Theologie als Wissenschaft möglich zu machen, wird der Theologe Scotus zu einem bedeutenden Philosophen, der in kritischer Auseinandersetzung mit den großen Werken des Aristoteles und deren islamischen und jüdischen Kommentatoren den Ansatz des Aristoteles aufgreift und zugleich neu fasst. Er versteht die von Aristoteles als „Erste Philosophie“ projektierte Metaphysik als Wissenschaft von den ersterkannten Begriffen, in denen auch das göttliche Seiende begriffen und in seiner Existenz bewiesen werden kann. Die Ethik versteht er als eine praktische Wissenschaft, deren Gegenstand die Erkenntnis ist, die dem Akt des Willens voraufgeht, den er als Vermögen ursprünglicher Selbstbestimmung versteht. Mit der Konzeption der Metaphysik als Transzendentalwissenschaft (scientia transcendens), dem Verständnis des Willens als freiem aber gleichwohl rationalen Handlungsvermögen und der daraus resultierenden Theorie der Modalitäten, vor allem der Möglichkeit und der Kontingenz löst Scotus eine intensive philosophische Wirkungsgeschichte aus, die über die spanische Spätscholastik und die Deutsche Schulmetaphysik des 17. Jahrhunderts bis zu Wolff und Kant reicht und auf die sich noch Ch. S. Peirce im 20. Jhd. beruft.

Auf dem Hintergrund seiner Philosophie begreift Scotus die Theologie als eine praktische Wissenschaft, weil deren Ziel die höchste Form der Praxis ist, nämlich die Liebe zu Gott als dem unendlich Guten. Er entwickelt eine differenzierte Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit und versteht die Menschwerdung Gottes als das maßgebliche Ziel des göttlichen Wirkens in der Heilsgeschichte. Die unbefleckte Empfängnis Mariens sieht er als Konsequenz der auf dieses Ziel bezogenen Intention Gottes.

Prof. Dr. Ludger Honnefelder

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