18. Februar 2010

Zum Zwischenbericht der Beauftragten für Missbrauchsfälle im Jesuitenorden

München/Berlin – Im Missbrauchsskandal an Jesuiten-Schulen hat die vom Orden beauftragte Anwältin Ursula Raue heute in Berlin einen Zwischenbericht vorgelegt. Dazu nahm der Provinzial der Jesuiten, P. Stefan Dartmann SJ, heute in München Stellung.

Bundesweit wurden nach Raues Angaben inzwischen mehr als 100 Fälle vor allem aus den 70er und 80er Jahren bekannt, seit im Januar erste Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekanntgeworden waren. »Das hat eine Dimension angenommen, die bisher nicht zu ahnen war«, sagte Raue in ihrem Bericht. Sie empfahl dem Orden die Einrichtung eines Arbeitsstabs, da die Aufklärung der Fälle alleine nicht zu bewältigen sei.

Der Provinzial der deutschen Jesuiten, P. Stefan Dartmann SJ, nahm heute in einer Presseerklärung zu dem Bericht Stellung. Wir geben die Erklärung hier ungekürzt wieder.

»München 18.02.2010

Stefan Dartmann SJ

Seitdem vor einigen Wochen die Problematik sexueller Missbrauch durch Mitglieder des Jesuitenordens deutlich wurde, ist die Erwartung einer gründlichen Aufklärung der Vorfälle in vielfacher Weise aufgegriffen worden. Der Orden hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Beauftragte zur Klärung von Missbrauchsfälle, Ursula Raue, eingeschaltet und sie gebeten, entsprechend den Richtlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Ordensleute im Bereich der Deutschen Ordensoberenkonferenz“ die Vorwürfe zu prüfen und eine erste Beurteilung vorzunehmen.

Nachdem Frau Raue zahlreiche E-Mails, Briefe und Telefonanrufe erhalten und auch Einsicht in die Akten genommen hat, hat sie heute im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin ihren angekündigten Zwischenbericht vorgelegt.

Die Informationen von Frau Raue beziehen sich vor allem auf Vorfälle in den 70-er und 80-er Jahren in Jesuitenschulen und in von Jesuiten verantworteter Jugendarbeit. Das Ausmaß dieser Übergriffe, in denen sich sexuelle und sadistische Motive mischen, ist für den Orden erschreckend und beschämend. Ich danke den Opfern und Betroffenen, dass sie nicht mehr schweigen, sondern den Mut gefunden haben, uns mit ihren Erfahrungen zu konfrontieren.

Frau Raue äußert ihr Erstaunen, dass sie in den Unterlagen des Ordens aus der damaligen Zeit kein Nachdenken darüber findet, was die Erfahrung des Missbrauchs bei Kindern oder Jugendlichen für Schäden anrichtet. Dazu sage ich: Dies ist eine Schande für einen Orden, der als eine seiner Hauptaufgaben das „animas iuvare“ [den Menschen helfen] auf seine Fahnen geschrieben hat.

Mit Scham erfüllt mich auch die im Bericht klar benannte, wenn auch noch ungenügend aufgeklärte Tatsache, dass Täter von einer Station der Jugendarbeit in die andere geschickt wurden. Was hier menschliches Versagen von Leitungspersonen im Einzelfall war, und was hier strukturell falsch lief, wird in einem weiteren Schritt zu klären sein. Unsere Akten stehen Frau Raue weiterhin zur Verfügung.

Vor zwei Wochen habe ich einen geständigen Täter, der heute noch im Orden ist, von der öffentlichen Ausübung seiner priesterlichen Funktionen suspendiert. Ich habe den Rücktritt des Kollegsleiters in Bonn angenommen, der dadurch den Weg zu einer lückenlosen Aufklärung der Vorfälle freimachen will und einen neuen, kommissarischen Kollegsdirektor ernannt. Weitere personelle Konsequenzen sehe ich auf Grund des Zwischenberichtes von Frau Raue noch nicht für notwendig an.

Aufgrund des Zwischenberichtes kann ich folgendes als erste Konsequenzen für den Orden benennen:

  • · Erweiterung des Arbeitsstabes von Frau Raue. Ich habe mit Frau Raue vereinbart, dass sie die in den Richtlinien vorgesehene Möglichkeit nutzt, ihren Arbeitsstab entsprechend ihrem Bedarf zu erweitern.
  • · Einrichtung von Arbeitsstäben in den drei Schulen unseres Ordens. Frau Raue hat deutlich gemacht. dass der Umfang der noch zu leistenden Arbeit enorm ist. Sie betont die Notwendigkeit, auch an den einzelnen Schulen des Ordens jeweils einen Arbeitsstab für die Aufarbeitung der Vorgänge einzusetzen. Über diese Empfehlung werde ich mit den Leitungen der jeweiligen Institutionen beraten.
  • · Prävention. Frau Raue betont in ihrem Bericht die Notwendigkeit, Modelle zu entwickeln und zu ininstitutionalisieren, die geeignet sind, zukünftigen Missbrauchsfällen vorzubeugen. Darunter fallen für sie die Benennung von Ombudspersonen als Ansprechpartner für Schülerinnen und Schüler sowie Supervision und gezielte Fortbildung für das Personal in den entsprechenden Institutionen unseres Ordens. Auch darüber werde ich mit den Verantwortlichen vor Ort ein Gespräch aufnehmen.

Im Namen des Ordens danke ich Frau Raue, dass sie mit äußerster Sensibilität und schier unendlicher Ausdauer allen zugehört hat, die sich in den letzten Wochen bei ihr gemeldet haben, um zur Aufklärung beizutragen. Besonders sei aber auch denen gedankt, die auf welche Weise auch immer physisch und psychisch missbraucht worden sind und die durch ihre Meldungen wesentlich zur gegenwärtigen Aufklärung der Vorfälle beitragen.«

Stefan Dartmann SJ

Lesermeinungen

2 Kommentare zu “Zum Zwischenbericht der Beauftragten für Missbrauchsfälle im Jesuitenorden”

  1. Elli Identicon
    Elli
    28. Mai 2010 19:56

    es gibt Neues zu berichten – die Seite müsste an dieser Stelle mal aktualisiert werden

  2. Elli Identicon
    Elli
    29. Mai 2010 11:17

    zum Abschlussbericht berichteten inzw. mehrere Zeitungen, u.a. WELT-online

    Überschrift: „Systematische Vertuschung bei den Jesuiten“

    http://www.welt.de/die-welt/politik/article7815328/Systematische-Vertuschung-bei-den-Jesuiten.html

Was sagen Sie dazu?