11. Januar 2012

Todeskampf im Indischen Ozean: Der Untergang der Van Imhoff

Nach einem Fliegerangriff sank vor 70 Jahren vor der Küste Indonesiens die „van Imhoff“ – ein holländisches Schiff mit deutschen Kriegsgefangenen. An Bord waren 18 Steyler Missionare. Nur ein Einziger überlebte. Im Interview berichtet sein Mitbruder Helmut Thometzki über Bruder Aloysius aus Schönkirch/Regensburg, den die Erlebnisse von damals niemals mehr losließen.

„Er war ruhiger Mann“, sagt Pater Helmut Thometzki. „Obwohl er Schreckliches hinter sich hatte, war er nicht verbittert. Er war aufgeschlossen für die Nöte anderer, weil er ja selber Not erlitten hatte.“

Erinnerungen an Heinrich Seitz, zeit seines Lebens besser bekannt unter seinem Ordensnamen Aloysius. Pater Thometzki, heute Geschäftsführer der Steyler Missionsprokur, lernte Aloysius 1970 kennen, als die Steyler Missionare auf der indonesischen Insel Timor eine Druckerei aufbauten. Abends, nach getaner Arbeit, kamen die beiden Missionare aus Deutschland oft ins Gespräch. „Er selber fing eigentlich nie damit an“, erinnert sich Thometzki. „Aber wenn wir so unter uns waren, dann hat er doch Einiges erzählt.“

Menschenunwürdige Zustände auf dem Schiff

Immer wieder kam Aloysius auf die Ereignisse vom 19. Januar 1942 zu sprechen. Auf den Tag, als bei Sumatra die „van Imhoff“ sank – ein holländisches Schiff mit knapp 500 deutschen und österreichischen Kriegsgefangenen an Bord. Unter ihnen 18 Steyler Missionare. Unter ihnen Bruder Aloysius.

„Zwei Drittel der Gefangenen waren damals im Zwischendeck eingepfercht, das nur ein Meter hoch war – sie konnten also nicht aufrecht stehen“, sagt Pater Thometzki. „Und über 100 waren in einem Käfig am Vorderdeck eingesperrt.“

Die Holländer wollten ihre Gefangenen außer Landes bringen, weil die japanischen Eroberer auf dem Vormarsch waren. Bruder Aloysius hat im Nachhinein immer wieder von der unerträglichen Hitze und dem bestialischen Gestank an Bord berichtet. Es war am dritten Reisetag um die Mittagszeit, als die „van Imhoff“ mitten im indischen Ozean von einem japanischen Bomber angegriffen wurde. Panik brach aus, das Schiff begann zu sinken.

Die Kriegsgefangenen hatten kaum eine Chance

„Ganz entgegen den Gepflogenheiten bei der Marine war der Kapitän der erste, der mit seinen Offizieren ins Rettungsboot stieg“, sagt Pater Thometzki. „Die Boote konnten 60 Personen aufnehmen – die Holländer haben sie aber mit gerade 20 besetzt.“

Ein Teil der Gefangenen konnte sich retten, weil ihnen ein Feldwebel noch schnell den Schlüssel zu ihren Verschlägen zugeworfen hatte. Bruder Aloysius erreichte schwimmend in das einzig verbliebene Rettungsboot. Die „van Imhoff“ sank in einem gewaltigen Strudel und zog Hunderte mit sich. Die Schiffbrüchigen trieben ziellos umher.

„Kurze Zeit später wurden die Überlebenden von einem holländischen Schiff – der ‚Boulangan‘ – gesichtet“, erzählt Pater Thometzki. „Das Schiff kam näher und der Kapitän der ‚Boulangan‘ erkundigte sich nach der Nationalität der Insassen des Rettungsbootes. Als er hörte, dass die Schiffbrüchigen Deutsche waren, drehte er wieder ab.“

Auch ein Flugzeug der niederländischen Marine schickte keine Rettung. Erst am dritten Tag schafften es die Überlebenden aus eigener Kraft, die Palmeninsel Nias zu erreichen. Die traurige Bilanz: 412 der 478 Deutschen auf der „van Imhoff“ kamen bei der Katastrophe ums Leben. Bruder Aloysius überlebte als einziger der Steyler Missionare an Bord.

Kriegsverbrecher wurden nicht zur Rechenschaft gezogen

In den Niederlanden galten die Ereignisse rund um den Untergang der „van Imhoff“ lange als Tabuthema. „Das ist bis weit in die 60er und 70er Jahre verdrängt worden“, erinnert sich Helmut Thometzki. „In den späten 60er Jahren kam es in Holland zu einem Prozess, den ein Überlebender aus Deutschland angestrengt hatte. Doch die Gerichtsbehörden sahen keinen Grund zur Anklage.“

Verfahren wurden verschleppt, Ermittlungen eingestellt. Bis heute bleiben die Ereignisse von damals ungesühnt, vermeintlich gezahlte Schweigegelder vermuten Historiker in den Parteikassen der Nazis verschollen.

Die Katastrophe im Glauben verarbeitet

Bruder Aloysius, der 1994 im Alter von 85 Jahren starb, brauchte Jahre, um die Geschehnisse zu verarbeiten. Sein Mitbruder Helmut Thometzki ist überzeugt, dass er letztlich seinen Frieden gefunden hatte.

„Ich glaube der Hauptgrund war, dass er das im christlichen Glauben und in seinem missionarischen Sein und Selbstverständnis richtig verarbeitet hat“ meint Pater Helmut Thometzki. „Jesus ist ja auch für uns ans Kreuz gegangen, ohne auf seine Henker zu schimpfen. Natürlich hinkt der Vergleich, aber ich glaube: Bruder Aloysius hat den Untergang der ‚Van Imhoff‘ dem Glauben entsprechend verarbeitet.“

Markus Frädrich

Lesermeinungen

Ein Kommentar zu “Todeskampf im Indischen Ozean: Der Untergang der Van Imhoff”

  1. christoph e. exler Identicon
    christoph e. exler
    31. Juli 2016 14:58

    waren unter den opfern/überlebenden auch österreicher ?

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