23. April 2012

Mama Gottes – Frauen und die Kirche

Vor 2000 Jahren waren Frauen die ersten, die verkündeten – und heute? Pater Norbert Cuypers SVD erzählt von der Bedeutung Marias früher und heute.

Maria war alles andere als zart, ergeben und rein. Sie war eine gestandene Frau, die die Schwierigkeiten ihres Lebens unerschrocken angenommen hat. Warum aber halten viele an den alten Klischeebildern fest? Und damit einhergehend auch an einem Frauenbild in der Kirche, was mit der heutigen gesellschaftlichen Realität nichts mehr zu tun hat? Alles eine Frage von Falschverkündigung und barockem Gottesbild? Über die Rolle Marias und der Frauen in der Kirche unterhielt sich Tamara Häußler-Eisenmann mit dem Steyler Missionar Pater Norbert Cuypers aus Berlin. Das Interview „Maria in Jeans“ finden Sie als Clip unter www.youtube.com/steylermissionare.

Zart, unberührt, auf Wolken schwebend – so wird sie gerne gesehen. Sie gilt als weich, demütig, bescheiden: Maria, die Mutter Gottes. Warum liebt die Volksfrömmigkeit sie so sehr für diese Eigenschaften?

„Die Rolle Mariens ist immer sehr durch das Gottesbild der jeweiligen Zeit geprägt. Wenn die Kirche ein Gottesbild vermittelt, dass den strafenden Gott in den Mittelpunkt stellt, der in den Wolken thront und darauf wartet, dass der Mensch Fehler macht, dann ist es selbstverständlich, dass sich der Mensch nach einem Vermittler sehnt, der genau die Eigenschaften von Maria hat: Zart, behütend, rein.“

Da sollte man doch meinen, dass sich die Menschen des 21. Jahrhunderts von diesem barocken Gottesbild verabschiedet haben?

„Sollte man, aber für mich als Seelsorger ist es immer wieder erschreckend, wie viele Menschen auch heute noch an diesen Richtergott glauben, der buchhalterisch die Sünden zählt. An den liebenden Gott zu glauben, fällt vielen Menschen aufgrund ihrer eigenen Biografie oft schwer. Wir leben heutzutage leider zunehmend in einer Gesellschaft, in der Menschen oftmals wenig Liebe erfahren. Dabei sollten wir die Menschen dafür sensibilisieren, dass ihr negatives Vaterbild nicht identisch mit dem Gottesbild ist. Aber solange dies so ist, wird Maria als Mittlerin zwischen ihnen und diesem Richtergott gebraucht. Es ist ja nichts anderes als das kleine Kind, das aus Angst vor dem strafenden Vater die Mutter vorschiebt.

Dabei war Maria alles andere als das…

„Oh ja. Maria war eine gestandene Frau. Ihr Leben war kein Spaziergang. Stellen Sie sich das doch einmal vor: Eine junge Frau wird schwanger. Sie steht gleich unter Verdacht, vor der Ehe fremd gegangen zu sein. Im Übrigen auch heute immer noch ein kirchliches Tabu-Thema. Und dann soll dieses Kind auch noch der Sohn Gottes sein. Marias Leben war nicht in zarten Pastelltönen gezeichnet, sondern in starken, kontrastreichen Farben – farbenfroh eben! Genau wie es heute bei vielen Menschen der Fall ist.“

Dann passt sie ja gut in unsere Zeit. Warum nehmen wir sie dann so anders wahr?

„Ob die Menschen Maria als gestandene Frau wahrnehmen oder einfach als die demütig-buckelige, dienende Frau liegt natürlich auch an uns. Damit meine ich die Art und Weise, wie wir verkündigen. Dabei sollten wir schamrot werden, wenn wir sie als Magd und Zuarbeiterin verstehen. Wir sollten endlich aufhören, am Klischeehaften festzuhalten. Wenn die Menschen dies heute noch tun, dann ist das die Frucht von Jahrzehnten der Falschverkündigung, die wir heute noch ausbügeln müssen.“

Sie meinen damit eine Verkündigung, in der den Frauen der Platz in der Kirche zugewiesen wurde, den sie auch damals in der Gesellschaft hatten.

„Genau. Man kann Verkündigung, Glaube und Religion ja auch zum Machtmissbrauch benutzten. Und da sind wir christlichen Kirchen auch nicht von befreit. Wir wären unehrlich, würden wir dies leugnen. Sieht man also die Rolle der Frau im zeitlichen Kontext, so ist unser heutiges Problem, dass die Gesellschaft längst weiter ist als die Kirche. Wir haben die Rolle der Frau noch nicht genügend ernstgenommen und trauen uns noch viel zu wenig, dorthin zu schauen und eine neue Verkündigung zu wagen.“

Das braucht aber einen selbstbewussten Verkündiger…

„Ich würde es nicht selbstbewusst, sondern eher reif nennen. Wenn ich mit beiden Beinen im Leben stehe und weiß, dass es in jedem Menschen – also auch in mir – männliche und weibliche Anteile gibt und ich diese annehme, nur dann kann ich zeitgemäß verkündigen. Es ist wichtig für jeden von uns, die weiblichen und männlichen Teile in uns selbst zu versöhnen.“

Wir brauchen also Missionare in der katholischen Kirche, die die Rolle der Frau zum Thema machen.

„Nicht nur Missionare, sondern überzeugte Christen. Wenn wir als Kirche in unserer Zeit glaubwürdig sein wollen, dann müssen wir die Rolle der Frau überdenken. Und die Kirche täte gut daran, dies möglichst bald zu tun. Vor 100 Jahren hat die katholische Kirche die Arbeiter verloren, weil diese sich von der Kirche zu wenig beachtet sahen. Wir können uns nicht leisten, dass dies mit den Frauen auch geschieht.“

Denn er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen…

„Und das sollte man auch bezüglich der Rolle der Frau ernst nehmen. Das könnte natürlich eine Bedrohung für diejenigen sein, die innerhalb der Kirche nach Macht streben und für den Erhalt des Status quo einstehen. Aber wir verraten das Evangelium, wenn wir dies nicht ernst nehmen.“

Frauen als Verkünderinnen?

„Am Anfang des Evangeliums steht eine Frau, nämlich Maria, und sagt ja zu dem, was sie als Gottes Auftrag für sich verstanden hat. Und am Ende des Lebens Jesu sind es wieder die Frauen, die unter dem Kreuz ausharren. Bis auf Johannes sind alle anderen Jünger geflüchtet. Und auch die Auferstehung ist zuerst den Frauen anvertraut worden. Wie können wir das alles vergessen? Und wenn das schon vor 2000 Jahren war, warum dürfen Frauen dann dieses Evangelium heute nicht verkünden? Tatsächlich sind es ja überwiegend Frauen, im Kindergarten, im Religionsunterricht, die heute den Kindern den Glauben vermitteln. Warum machen wir dann im entscheidenden Moment der Verkündigung die Schranken zu? Das ist für mich nicht nachvollziehbar.“

Zur Person:

Pater Norbert Cuypers, geb. 1964 in Köln, trat 1984 in den Orden der Steyler Missionare ein. Seine Priesterweihe empfing er 1997. Danach ging er nach Papua Neuguinea. Von 2004 bis 2010 war er Spiritual der jungen Mitbrüder von Österreich und von Priesteramtskandidaten der Diözese Eisenstadt. Seit 2011 ist er der Noviziatsleiter der Steyler Missionare in Berlin.

Lesermeinungen

5 Kommentare zu “Mama Gottes – Frauen und die Kirche”

  1. Monika Hohendorf Identicon
    Monika Hohendorf
    7. Mai 2012 01:04

    Recht haben Sie, Pater Norbert.
    Das Verkündigen des Evangeliums ist nun einigen Frauen, den Gottesdienstbeauftragten, gestattet. Gründe: Priestermangel, dazu ein freier Tag für die Priester in der Woche.
    Evangelische Pastoren konvertieren und üben ihr Amt mit Frau und Kindern an ihrer Seite aus. Was denken und empfinden zölibatär lebende Priester dabei?
    Es gibt nicht wenige uninspirierte Priester, bei weitem nicht ausreichend begabt für diesen schweren Beruf. Aber den Diakonat der Frau wollen die Entscheidungsträger nicht zulassen , geschweige denn die FrauenOrdination.
    Ich stelle in „meinen“MaiAndachten Maria seit Jahren als tatkräftige, nachdenkliche und entscheidungsfähige Frau dar. M. Hohendorf, Lübeck

  2. Mette02 Identicon
    Mette02
    9. Mai 2012 12:55

    Es ist erschütternd, wie jemand mit solchen verqueren Ansichten auf junge Priester und Ordensleute losgelassen werden kann. Kein Wunder, dass mit solchen Ansichten keiner mehr Priester oder Ordensfrau werden möchte.

  3. Br_Tuck Identicon
    Br_Tuck
    9. Mai 2012 19:51

    @mette02: Um es mit einem alten Kalauer auszudrücken:
    Warum ist der auferstandene Christus zuerst Frauen erschienen? – Um sicher zu stellen, dass es sich möglichst schnell herumspricht…

  4. ismile Identicon
    ismile
    25. Mai 2012 22:00

    Ich bin erstaunt, auf einer katholischen Seite die Aussage zu finden, Maria sein nicht „rein“ gewesen! Was will man damit sagen? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?
    Auch ich habe meinen persönlichen „Zugang“ zu Maria erst dann gefunden, als ich gelernt habe, sie in ihrer konkreten Alltagssituation wahrzunehmen. Z.B. unverheiratet schwanger zu werden – und dann immernoch das Gottvertrauen zu haben, dass dieser Gott schon alles für sie regeln wird, da sie sich von Gesetzes wegen im schlimmsten Falle sogar von der Steinigung bedroht wissen musste. Was hätte sie denn auch sagen sollen zu Josef? Ich glaube kaum, dass die Erscheinung eines Engels und die Kraft übernatürlichen Eingreifen Gottes erfolgte Empfängnis eines Kindes – auch noch des Sohnes Gottes selbst – etwas ist, mit dem man schnurstracks zu seinem Verlobten läuft und „brühwarm“ das Geschehene erzählt.
    Gerade weil beide, Maria und Josef, in ihrer außerordentlich bevorzugten Situation trotzdem immer „bodenständig“ geblieben sind, nötigt das umso mehr Respekt ab. Widerspricht für mich aber in keinster Weise, dass beide im positiven Sinne ergebene Diener Gottes waren. Warum auch?
    Und dann ist übrigens auch schlicht und ergreifend die nüchterne Lehre der Kirche, dass Maria nicht nur vom Augenblick ihrer Empfängnis an von der Erbschuld bewahrt geblieben ist, sondern auch ihr Leben frei von jeder persönlichen Sünde verbracht hat. Fürchtet man, dass Maria durch ein Bekenntnis zu dieser Lehre „unnahbar“ für uns werden könnte? Dann müsste man auch fürchen, dass Jesus selbst unnahbar für uns ist, weil er „in allem uns gleich geworden ist, die Sünde ausgenommen“ (die genaue Stelle im NT darf gerne nachgeschlagen werden).
    Für mich wird mit der im Eingangstext gewählten Formulierung ein künstlicher Gegensatz aufgebaut zwischen „zart, ergeben und rein“ und „gestandene“ Person – ein Gegensatz, der für mich nicht notwendiger Weise existiert. Warum also jemand z.B. an der verdienten Ehre aufgrund eines sündenlosen = reinen Lebens kratzen?
    Und was ist mit „im entscheidenden Moment der Verkündigung die Schranken“ zumachen gemeint, wenn nicht die Zulassung der Frau zum Priestertum? Jesus hat die Menschen seiner Zeit oft genug vor den Kopf gestoßen und wenn er die Zulassung der Frau zum Weihepriestertum gewollt hätte, wäre uns das sicher nicht 2000 Jahr lang verborgen geblieben. Auch das ist übrigens Lehre der Kirche (im Sinne einer Glaubensfrage), dass die Frau tatsächlich aufgrund ihres körperlichen Geschlechts das Sakrament der Priesterweihe nicht empfangen kann.
    Ich bin eine Frau, denke, durchaus „auf der Höhe meiner Zeit“ und als Programmierer vermutlich in einem Beruf, bei dem auch heute noch kurioser Weise viele Männer erst mal ins Stutzen kommen – und fühle mich mit meinem Geschlecht in der katholischen Kirche in keinster Weise benachteiligt. Mir gefällt die de facto Aufweichung des Priestertums allgemein nicht – ungeachtet, ob die zum Einsatz kommenden Laien männlichen oder weiblichen Geschlechts sind.
    Für mich liegen hier theologische und spirituelle Fragen ursächlich zugrunde – die nur ganz am Rande von der Stellung von Frau und Mann in der Gesellschaft berührt werden, aber nichts damit zu tun haben.

  5. Mechthild Finster Identicon
    Mechthild Finster
    4. Juni 2012 21:27

    Grüß Gott liebe Leser/innen,
    per Zufall habe ich diese Seite entdeckt und interessiert den Beitrag von P. Norbert und die Meinungen dazu gelesen. Besonders freue ich mich über das statement von ismile, möchte ihr danken und in weiten Teilen beipflichten. In meinem persönlichen Umfeld finde ich diese Haltung kaum und fühle mich damit schon ab und zu wie „aussätzig“.
    Allerdings verstehe ich, was P. Norbert meint. Ich bin auch mit diesem neg. Vater=Gottesbild groß geworden. Mein Mann ist Bürgermeister und ich selber erlebe bei Wortgottesfeiern Gebets- und Predigtworte sprechen zu dürfen als Erlösung und erhalte viel Lob.
    Im Umgang mit meinen 3 kleinen Enkelbuben habe ich ganz persönlich oft den Richtergott zu verkörpern. Auch im Beruf als Lehrerin und im Umfeld von Politik stelle ich fest, dass starke Männer, die vom Glauben geprägt sind, weitgehend fehlen. Wir Frauen können Männer nicht stark machen. Dazu braucht es Männer. Und das geht in meinen Augen nur in der Hoffnung, dass durch unsere Kirche, die am Priesteramt des Mannes festhält, l a n g s a m die gute Manneskraft in unserem Land wieder zunimmt.

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