Lagrange, Marie-Joseph


Marie-Joseph Lagrange OP (Taufname: Albert (Marie-Henri); * 7. März 1855 in Bourg-en Bresse, Dép. Ain; † 10. März 1938 in Saint-Maximin-la-Sainte-Baume, Dép. Var), französischer Dominikaner, Jurist und Bibelwissenschaftler. Er trug entscheidend zur Einführung einer kritischen wissenschaftlichen Methode in die katholische Exegese bei und gilt als Begründer der katholischen Bibelwissenschaft.

Leben

Marie-Joseph Lagrange OPLagrange wuchs in einem bürgerlich-intellektuellen Milieu auf. Auf Wunsch seines Vaters, der in ihm einen zukünftigen Notar sah, begann er an der Fakultät zu Paris ein Jurastudium, das er 23-jährig mit der Promotion abschloss. Er trat dann in das Priesterseminar von Issy ein, um sich 1879 den Dominikanern zuzuwenden (Noviziat in St. Maximin). Während seiner Studien verbrachte er u.a. ein Jahr in Salamanca, um Hebräisch zu lernen. Am 22. Dezember 1883 wurde er in Zamora, Spanien, zum Priester geweiht.

Von 1884 bis 1888 lehrte er Kirchengeschichte und Philosophie in Salamanca und Toulouse. Ausgiebige Studien widmete der Theologe und Historiker den alten Sprachen, der Archäologie und der Bibelwissenschaft. Von 1888 bis 1890 studierte er orientalische Sprachen, insbesondere Arabisch und Ägyptisch (Koptisch), in Wien. Während eines Aufenthalts in Wien erreichte ihn am 5. Februar 1889 der Auftrag seiner Oberen, nach Jerusalem zu reisen, der Stadt, die bis 1935 das Zentrum seines Wirkens bleiben sollte. Hier gründete er 1890 – zunächst unter dem Namen École Pratique d’Études Bibliques – die École biblique, an der er bis 1914 und wieder von 1918 bis 1935 wirkte. In Paris begründete er die Revue Biblique (1892 ff.) und die Études Bibliques (1903 ff). Lagrange unternahm bis ins hohe Alter mehrere Forschungsreisen und veröffentlichte zahlreiche Abhandlungen über semitische, orientalische und hellenistische Religionsgeschichte. 1912 musste er für ein Jahr auf die Mitarbeit in Jerusalem verzichten, wegen seiner Treue zum kirchlichen Lehramt traf ihn aber keine förmliche Lehrverurteilung.

1903 wurde Lagrange von Papst Leo XIII. zum Konsultor des neu gegründeten päpstlichen Bibelinstituts berufen und konnte in dieser Position der historisch-kritischen Methode in der katholischen Bibelexegese zum Durchbruch verhelfen. 1906 erhielt er für seine Études sur les religions sémitiques den »Prix Saintour«.

1935 zwangen ihn die Gebrechen des Alters, in sein Noviziatskloster in St.-Maximin in Frankreich zurückzukehren. Dort starb P. Marie-Joseph am 10. März 1938. 1967 wurden seine sterblichen Überreste in der Basilika »Saint-Étienne« des Dominikaner-Konvents in Jerusalem überführt.

1988 wurde das Seligsprechungsverfahren eröffnet. Der französische Philosoph Jean Guitton veröffentlichte 1992 auf Bitten des Papstes ein Portrait Pater Lagranges.

BedeutungLagrange gehört überdies zu den wichtigsten Zeugen der Krise um den Modernismus und zu deren wichtigen Überwindern. Indem er die historisch-kritische Exegese erst auf eigentlich wissenschaftliche Grundlagen stellte, läuterte er einerseits ihre bis dahin allzu spekulative Herangehensweise an die biblische Frage. Andererseits eröffnete er auf der Grundlage gewissenhafter archäologischer, historischer und textkritischer Forschung der Versöhnung von Bibel und Dogma den Weg.

Während die exégése allemande, von einem bestimmten Weltbild des 18. Jahrhunderts ausgehend (Reimarus, † 1768), den so gen. »historischen« Jesus aus dem Text der Bibel herauszufiltern versuchte (wodurch es heute so viele Jesusportraits wie „Exegeten“ gibt), unterstellte Lagrange die Wahrheit des biblischen Berichts und suchte danach, diese Wahrheit vor Ort bestätigt zu finden. Die bisherigen Arbeitsergebnisse der von Lagrange begründeten Schule deuten darauf hin, dass nicht ein einziges historisches Faktum dem biblischen Bericht entgegensteht. Die Wissenschaft hat, zum Erstaunen der gesamten theologischen Öffentlichkeit, nichts gefunden, was die Evangelien der »Lüge« überführen könnte. Die Schlussfolgerung aber, auch dem Osterbericht zu glauben, wird zu keinem Zeitpunkt wissenschaftlich herzuleiten sein.

Werke
  • La Méthode historique, 1903, 21904
  • M. Loisy et le modernisme, Paris 1932

Literatur
  • Jean Guitton: Portrait du Père Lagrange: Celui qui a réconcilié la science et la foi – Paris: Robert Laffont, 1992
  • Bernard Montagnes: Marie-Joseph Lagrange: Une biographie critique. – Paris Cerf, 2004

F. N. Otterbeck

Letzte Änderung: 12. Juni 2009 

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